Trojaburg
 
 

Neues & Altes von den Trojaburgen

Der Zufall wollte es, daß ich kürzlich innerhalb weniger Tage eine sehr alte und eine sehr neue Information über „Trojaburgen“ erhielt. Den Lesern dieser Zeitschrift, die schließlich ihren Namen nach diesem geheimnisvollen Phänomen der Vorzeit trägt, möchte ich diese auch mir durchaus neuen Erkenntnisse weitergeben. Vielleicht regt es den einen oder anderen Fachmann unter den Lesern zu eigenen weiteren Beiträgen an.
Ein Bekannter schickte mir eine Broschüre zu, die ein gewisser Dr. Ernst Krause im Jahr 1893 verfaßt hat: „Die nordische Herkunft der Trojasage -bezeugt durch den Krug von Tragliatella“, erschienen im Verlag von Carl Flemming in Glogau (Schlesien). Die Schrift ist die Ergänzung zu einem etwas umfangreicheren Büchlein, das der Verfasser Krause kurz zuvor veröffentlicht hatte: „Die Trojaburgen Nordeuropas“. Der Anlaß zu diesem Nachtrag war wohl, daß der Autor erst damals von der Entdeckung eines etruskischen Tonkruges in Tragliatella (nördlich von Rom) erfahren hatte, der eine Labyrinth-Zeichnung mit den eingeritzten Wort „Truja“ zeigte. Diese Entdeckung war schon 1877 geschehen und auch schon ausführlich beschrieben worden, aber der Autor Krause hatte erst 1893 davon erfahren. Die Entstehungszeit des Kruges wurde (und wird noch heute) von Fachleuten auf das 7. oder 6. vorchristliche Jahrhundert geschätzt.
Ernst Krause hatte bereits in den Jahren vor Erscheinen seiner Broschüre in mehreren Veröffentlichungen die These vertreten, ein altrömischer Waffentanz, der „Saliertanz“, der auch den Namen „Troatanz“ geführt haben dürfte, und das von ihm abgeleitete Trojaspiel müsse Zusammenhänge gehabt haben mit der kretischen Labyrinthsage, der Ilias des Homer und mit zahlreichen Sagen nordischer europäischer Völker. In diesen uralten Bräuchen sei die Befreiung einer Jungfrau aus einem labyrinthischen Gemäuer, in Wirklichkeit aber die Befreiung der Sonne (oder der Sonnengöttin) nach der Gefangenschaft durch den Winter im Frühjahr gefeiert worden - ein aus der Bronzezeit oder noch früheren Perioden menschlicher Kultur stammender Mythos. Und dieser Mythos stamme aus dem Norden Europas.
Ich möchte nicht entscheiden, ob es die bereits in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts in Europa und vor allem in Deutschland grassierende Begeisterung für die „nordischen Arier“ war, die den Autor Krause zu seinen Thesen anregten. Immerhin zeigt seine Broschüre, daß man sich in Deutschland vor weit über 100 Jahren intensiv mit solchen Themen beschäftigte. Und immerhin gibt die Beobachtung zu denken, daß eine „Befreiung der Sonne aus dem Winter-Gefängnis“ nur in hohen nördlichen Breiten Sinn macht, wo nämlich die Sonne im Winter nur wenige Stunden am Tag oder gar nicht (nördlich des Polarkreises) zu sehen ist und dann zum Frühlingstag strahlend wieder hervortritt.
Mit Schmunzeln kann man nur die Polemik lesen, mit der der Autor vor über 110 Jahren gegen den „deutschen Gelehrtendünkel“, speziell der Philologen, zu Felde zog, die seine schon früher veröffentlichten Erkenntnisse zu diesem Thema verrissen hatten. Es scheint sich in diesem einen Jahrhundert nicht allzu viel geändert zu haben ...
Eine sehr neue Information zum gleichen Thema erschien am 23. September 2006 in der Sonntagsbeilage des GENERAL-ANZEIGERS BONN unter dem Titel „Bewegung zur Mitte“. Mit mehreren sehr aufschlußreichen Fotos dokumentierte der Autor Mathias Orgeldinger seine interessante Mitteilung, in Deutschland seien im letzten Jahrzehnt rund 100 begehbare Labyrinthe neu entstanden. Bedeutet das ein neu aufgetauchtes, natürlich völlig unter-bewußtes Interesse heutiger Menschen an solchen uralten Geheimnissen ?
Im Gegensatz zum eben zitierten Autor Krause behauptet der moderne Journalist (?) Orgeldinger allerdings, „nach Ansicht vieler Labyrinthforscher entstand das Symbol vermutlich im Mittelmeerraum“. Er weist jedoch auch darauf hin, daß sich in Nordeuropa, dem Baltikum und Rußland mehr als 500 Labyrinth-Steinsetzungen erhalten haben. „Da die Wikinger und Normannen wie auch die Menschen der Bronzezeit Kontakt zum Mittelmeerraum hatten, könnten die nordischen Trojaburgen direkt auf kretische Traditionen zurückgehen. Einige skandinavische Labyrinthe heißen noch heute Jungfrudans‘ (Jungfrauentanz)
Ohne nähere Quellenangabe fügt der Autor hinzu: „Es wird von Frühlingsspielen berichtet, bei denen junge Männer um eine Tanzpartnerin wetteifern wie die Kraniche - die im Herbst von Nordeuropa nach Süden und auch auf die griechischen Inseln ziehen - bei der Balz. Bis heute lebt das Symbol aus seiner archetpyischen Kraft. „Im Labyrinth begegnet man nicht dem Mino-taurus“, sagt der Kunsthistoriker Hermann Kern, „im Labyrinth begegnet man sich selbst.“ Dies schrieb der moderne Journalist Orgeldinger.
Das Labyrinth - oder anders ausgedrückt die „Trojaburg“ - entfaltet offenbar auch im 21. Jahrhundert noch seine uralte Kraft und Faszination.        *

Dr. Reinhard Schmoeckel

 

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